RUZICA ZAJEC    

Start

Vita

Galerie

Aktuell

Texte

Impressum

Links


 

<

Perspektivwechsel
Raumperspektiven im Werk von Ruzica Zajec

Die zeitgenössische Kunst bewegt sich zwischen Aneignung und überwindung, zwischen Ablehnung oder
liebevollem Recycling jener Strömungen, welche klassische Moderne und die Nachkriegskunst des 20. Jahrhunderts hervorgebracht haben. Deshalb gehört es heute zu den schwierigen Aufgaben von Künstlern und Künstlerinnen, auf der Basis all jener lsmen des 20. Jahrhunderts eine originäre, eigenständige Position einzunehmen. Heute nun verdanken wir dem am Ende des 20. Jahrhunderts vielfach beschworenen "Anything goes" der Postmoderne einen reichhaltigen Stilpluralismus, der oft durch Zitat und Stilkombination zu originellen Positionen führt; ein Stil-pluralismus, der Dank des großen Einflusses der Pop-Art eine Renaissance der gegenständlichen Kunst herbeiführte. Lange schon darf wieder figurativ gemalt werden, aber abgesehen von den realistischen Strömungen
kann dies nicht mehr mit mimetischer Absicht erfolgen.

Die zeitgenössische Malerei bleibt der Moderne verpflichtet, denn individuelle Handschrift und Farbgebung sind Errungenschaften des lmpressionismus und Expressionismus, und aktuelle konstruktive oder polyperspektivische Experimente bleiben zwangsläufig dem Kubismus verpflichtet, der die seit der Renaissance gebräuchliche Zentralperspektive als mächtiges Werkzeug des lllusionismus liquidierte. Zwar ist die perspektivische Darstellung heute nach wie vor obligatorischer Bestandteil einer künstlerischen Ausbildung, aber gerade weil die Zentral-perspektive ihrer illusionistischen Funktion entbunden ist, kann sie selbst in der Kunst eigentlich nur noch phänomenologisch thematisiert werden. Dann aber ist zwangsläufig Bezug auf die abstrakt-konstruktivistische Tradition der Kunst, auf Richtungen wie die Konkrete Kunst, die Farbfeldmalerei und die Op-Art Bezug zu nehmen. Um auf ganz eigene Weise in lnstallationen und Glasbildern dem Phänomen perspektivischer Wahrnehmung nachzugehen, greift zweifellos auch Ruzica Zajec in ihren Arbeiten auf die oben genannten Stilrichtungen zurück.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Ruzica Zajecs Werke still sind, denn sie haben uns nur dann etwas zu sagen, wenn wir sie aktiv befragen. Dann aber entzündet sich an ihnen ein Nachdenken über die Funktionsweise unserer Wahrnehmung. Hierfür nutzt Ruzica Zajec zum Teil Phänomene, die bereits Mitte der 60er-Jahre des letzten Jahrhundert in der Op-Art künstlerisch erforscht wurden, etwa die für ihre räumlich gestaffelten Glasbilder charakteristischen Moiré- und lnterferenzeffekte, die dank der überlagerung rhythmischer Muster durch kleinste Positionsveränderungen des Betrachters ihre Bilder dynamisieren. Waren die Wahrnehmungsexperimente
der Optical-Art vorwiegend kinetischer, elektronischer oder graphischer, also maschineller Natur, so gelingt es Zajec, eine maschinell reproduktive Anmutung zu umgehen, indem sie ihre Streifenmuster akribisch mit der Hand schabt und so gewissermaßen handschriftlich aufwertet. Während diese kleinformatigen, sehr dezenten Arbeiten ihren arbeitsintensiven, hoch konzentrativen Entstehungsprozess nobel verbergen, thematisieren einige lnstallationen die Paradoxien räumlicher Wahrnehmung durch einen pointierten, geradezu provokant einfachen Produktionsprozess. Arabeske nannte Zajec eine Glasinstallation aus dem Jahre 2010, die zum Einen aus einer türblattgroßen Glasscheibe besteht, die schräg an die Wand gelehnt wurde, und zum Zweiten aus einer nur halb so hohen quadratischen Scheibe, die ausgehend vom Wandsockel leicht versetzt in gegenläufige Richtung gegen die Hinterseite der höheren Glasplatte gelehnt wurde. Zajec manipulierte diese giebelartig gegeneinander gestellte Konstruktion durch einen kleinen Eingriff von verblüffender Einfachheit, aber großer Wirkung: lndem sie die Position einer Seitenkante der hinteren Platte als Strich auf die Rückseite der vorderen Platte spiegelte, störte sie die für den Betrachter eigentlich leicht nachvollziehbare geometrische Konstruktion des Arrangements empfindlich. Unversehens erhält die lnstallation Qualitäten eines Vexierbildes, bei dem nicht mehr genau entschieden werden kann, auf welchen räumlichen Positionen die Kanten der Glasplatten verlaufen.

Es sind solche optischen lrritationen, die in unterschiedlicher Ausprägung in den Werken Zajecs auftauchen, so auch in ihrer 2009 entstandenen Schaufenster-installation Fatamorgana, in der zahlreiche rechteckige Farbtafeln in räumlicher Staffelung in ein Fenster gehängt wurden. Auch wenn diese Arbeit im lnnenraum installiert wurde, so ist ihr Kern keineswegs im lnneren des Ausstellungsraums zu finden. Der Blick von außen auf und durch die Scheibe offenbart, dass Fatamorgana erst im Zusammenspiel mit den auf der Scheibe gespiegelten Häusern der Umgebung zu einer gleichsam virtuellen Farbfeldintervention im städtischen Raum mutiert.

Zweifellos besteht der materielle, von der Künstlerin gestaltete Anteil ihrer lnstallation Fatamorgana aus den Farbtafeln, die in das Fenster gehängt wurden. Das Zusammenspiel von Farbe und Fensterscheibe aber verdeutlicht, dass die Beschaffenheit des Glases, seine transparente, immaterielle Anmutung bei gleichzeitiger Möglichkeit, das Gegenüber zu spiegeln, hier den wesentlichen Aspekt der Arbeit darstellt.

Hubert Steins

<